3. Fallstudie: Wenn die Führungskraft sich mit "fremden Federn" schmückt
Sichtbarkeit ist keine Nebensache. Wer nicht gesehen wird, verliert Handlungsspielraum.
Problem
Ein Abteilungsleiter erlebt eine zunehmende Verschiebung in der Zusammenarbeit mit seinem Bereichsleiter: Früher wurden Ideen gemeinsam abgestimmt, heute laufen zentrale Impulse über seinen Schreibtisch, aber nicht mehr mit seinem Namen daran.
In Strategierunden tauchen Vorschläge wieder auf, die er entwickelt hat, nur, dass der Bereichsleiter sie vorstellt, als wären sie seine. Der Abteilungsleiter spürt: Er wird nicht mehr sichtbar gemacht.
Gleichzeitig nimmt er wahr, dass der Bereichsleiter unruhiger wird: dünnhäutiger, fahriger, oft unter Strom. Auf Rückfragen reagiert er gereizt, Themen werden abgebrochen statt besprochen. Was früher professionelle Distanz war, kippt in kommunikative Kälte.
Für den Abteilungsleiter entsteht eine paradoxe Lage: Er liefert weiterhin gute Leistung, aber verliert an Visibilität und Postion.
Ansatz im Coaching
Im Coaching wurde das Thema nicht moralisch, sondern systemisch gelesen: Der Bereichsleiter steht vermutlich unter steigendem Erfolgsdruck und beginnt, Ressourcen aus der zweiten Reihe zu absorbieren.
Der Klient wurde eingeladen, nicht auf Wiedergutmachung zu hoffen, sondern selbst Position zu beziehen: Wo will er sichtbar sein? Wo braucht es Attribution? Und was riskiert er, wenn er weiter schweigt?
Im Sparring wurde eine Haltung entwickelt, die nicht auf Konfrontation, sondern auf Grenzmarkierung setzt, Pragmatisch, nicht pathetisch. Der Klient entschied sich für eine nüchterne Gesprächseinladung: Er machte deutlich, wo er sich als Gestalter sieht und dass er bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, aber nicht nur Zuarbeit zu leisten.
Ergebnis
Das Gespräch war angespannt, aber klärend. Der Bereichsleiter zeigte wenig Einsicht, aber registrierte den Positionsanspruch. Kurz darauf folgte erstmals ein expliziter Hinweis im Vorstandstermin: „Das war eine Idee aus dem XY-Bereich, danke an Herrn L.“ Für den Abteilungsleiter war das kein Durchbruch, aber ein Signal.
Er hat verstanden, dass es auf seiner Ebene entscheidend ist, selbst aktiv zu benennen, wo er stehen will, auch wenn nicht sicher ist, ob das angenommen wird.
Seitdem setzt er bewusst Zeichen, wenn es um die Herkunft zentraler Impulse geht. Nicht aus Revierdenken, sondern aus Klarheit darüber, wie viel Sichtbarkeit nötig ist, um als Führungskraft anschlussfähig und sichtbar zu bleiben.