Alexandra Götze | Mein Chef? Ein Vollidiot!
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Business & Personal Coach Wiesbaden, Frankfurt, Mainz

Mein Chef? Ein Vollidiot!

Vielleicht haben Sie auch schon davon gehört: Nichts ist bei der Eröffnung eines gelungenen Small Talks hilfreicher, als die Suche nach einer Gemeinsamkeit mit dem Gegenüber. Versierte Kongressgänger und Netzwerker wissen dies natürlich längst und arbeiten sich in den Pausen mit einem ausgereiften Fragenkatalog durch die anwesende Menschenmenge, immer auf der Suche nach dem einen, verbindenden, Element.

Falls Sie zu den Menschen gehören, die für diese Art der zwischenmenschlichen Zuwendung weniger Zeit aufwenden möchten, habe ich einen fulminanten Gesprächseinstieg im Angebot, der Sie und Ihr Gegenüber schnellstmöglich auf einen Nenner bringt. Probieren Sie doch mal Folgendes: „Hallo, mein Name ist XY und mein Chef ist ein Vollidiot!“ BINGO! Mehr Gemeinsamkeit geht nicht. Ihr Gegenüber wird Ihnen begeistert zustimmen: „Das gibt es ja nicht! Meiner ist auch ein Vollidiot. Und ein überforderter und unfähiger noch dazu! Ja Wahnsinn… Kommen Sie, darauf sollten wir einen Kaffee trinken…“

Auf nix ist mehr Verlass!

Vielleicht ist Ihnen in letzter Zeit auch aufgefallen, dass für viele Menschen in vielen Jobs heute vieles immer unvorhersehbarer und unklarer wird. Und in der Suche nach Beständigkeit und Sicherheit scheint mir, als ob es den Mitarbeiter vielleicht sogar beruhigt, dass man zumindest auf eine Sache zu 100 % bauen kann: die Unfähigkeit der eigenen Führungskraft!

In Vorbereitung für meinen Beitrag suche ich auf Facebook nach dem Schlagwort: #Führung. Wie zu erwarten, erscheint eine nicht enden wollende Beitragskette von Führungsratschlägen auf dem Display. Ich muss gestehen, dass das Potpourri an Führungsempfehlungen, Hinweisen und Tipps meine Aufnahmefähigkeit erheblich übersteigt. Jedoch muss man auch wirklich nicht jede Passage im Detail gelesen haben, um die Botschaft an heutige Leader unmissverständlich zu verstehen: Das musst Du wirklich besser machen!

Neugierig tippe ich nun #Mitarbeiter ins Suchfeld ein. Und irgendwie beschleicht mich ein ungutes Gefühl, was ich da so lese: Da ist nichts zu holen, an Ratschlägen und Tipps zum besseren Verhalten als Mitarbeiter. Nichts dazu, was der Mitarbeiter von heute alles beachten muss, um für das Unternehmen einen wichtigen Beitrag zu leisten. Jedoch lese ich etliche Beiträge, die den Mitarbeitern in Bezug auf Ihre Führungskraft vor allem eins suggerieren: Da hast Du wirklich Besseres verdient!

Keine Chance auf Gleichgewicht?

In Gesprächen mit meinen Kunden und Klienten erkenne ich, dass beide Botschaften bereits Gewicht im Unternehmen haben und Einfluss auf das Verhalten von Führungskraft und Mitarbeiter nehmen. Und da frage ich mich schon, was dieses Ungleichgewicht wohl macht, mit der Haltung der einzelnen Protagonisten?

Ein paar Jahre ist es jetzt her, dass ich geführt habe und geführt wurde. Ein paar Jahre hatte ich nun Zeit zurückzuschauen und nachzudenken. Und zwar nicht auf mich als Führungskraft, sondern auf mich als Mitarbeiterin. Und ich habe mir die Frage gestellt: Hättest Du dich gerne geführt?

Vielleicht ist es die Ausstiegsmilde, vielleicht sind aber auch nur endlich genügend Jahre ins Land gegangen, als das ich sagen könnte: Himmel! Ein paar meiner Chefs hatten es wirklich nicht leicht mit mir. Was war ich manchmal für ein Vollidiot!

Getreu der oben genannten Kernbotschaften (Du hast Besseres verdient!) wurde es für mich über die Jahre meiner Betriebszugehörigkeit zur Regel, meinen Chefs die Verantwortung für meine Zufriedenheit zu übertragen. Eine schlichtweg unlösbare und gefährliche Aufgabe, die die Beziehung zwischen Mitarbeiter und Chef versaut und – noch schlimmer – auch ökonomisch nicht vertretbar ist. Denn, je mehr mein Chef versuchte, mich beruflich zufriedenzustellen (Sie meinen das versucht kein Chef? Dann suchen Sie auf google mal nach „Mitarbeiter motivieren“ … über 6 Millionen Ergebnisse!) steigerte dies meine Erwartungshaltung.

Inhalt oder Beziehung? Um was geht es wirklich?

Dazu kommt: In den Diskussionen mit meinem Chef drehte es sich oft nicht um inhaltliche, sondern um Beziehungsaspekte. Vielleicht, so frage ich mich heute, aufgrund der Nichtakzeptanz der mir zugewiesenen Rolle und dem damit verbundenen Versuch, die disziplinarischen Anweisungsbefugnis, (die mein Chef natürlich hatte) außer Kraft zu setzen? War ich wirklich der Meinung, ich hätte darauf Einfluss?

Rückblicken denke ich, dass ich schlichtweg nicht bereit war, manche bestehenden Regeln im Unternehmenssystem zu akzeptieren. Ich wollte diese nach meinem Gusto neu kalibrieren, und wenn mein Chef dazu nicht bereit war, war er entweder ein Vollidiot oder ich entschied mich für den stillen Boykott („Ihr werdet schon noch sehen…/…dann können mich jetzt alle mal….“).

Non, je ne regrette rien??

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich peitsche mich jetzt nicht täglich mit der Siebenschwänzigen, weil ich meine, ein schlechter Mitarbeiter gewesen zu sein. Ich bin überzeugt davon, dass ich ein guter Arbeitnehmer mir hohem Leistungsbewusstsein war.

Und doch ist mir klar, dass ich, als ich noch mittendrin steckte im System, auch mal nicht aus meiner Haut wollte. Es viel mir dann schwer, Drama durch Disziplin zu ersetzen und ich weiß heute, die hätte es öfter gebraucht. Disziplin dahin gehend, als das es in dieser Art der zwischenmenschlichen Beziehung, in dieser Zirkularität zwischen Chef und Mitarbeiter nun mal jemanden braucht, der bereit ist, die sich aufschaukelnden Gespräche verbal zu korrigieren. Und dass das eben nicht immer Chef-Sache ist, das weiß ich heute.

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