Alexandra Götze | Ein offener Brief…zum „Gruppenzwang“
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Business & Personal Coach Wiesbaden, Frankfurt, Mainz

Ein offener Brief…zum „Gruppenzwang“

Es ist Ende Dezember 2012: Der gemütliche Seminarraum ist leicht gedimmt, afrikanische Musik dröhnt aus den Lautsprechern und Dorotheas („für euch einfach Doro“) Stimme hallt durch den Raum: „fantastisch Mädels, bewegt euch so, wie es die Musik euch sagt. Definiert euren Raum, füllt ihn aus“. Acht Frauenpaare tanzen, besockt und beschwingt, durch die Mitte des Zimmers. Einige Damen haben die Augen geschlossen, andere lächeln milde und wieder andere summen sogar.

Nun, keine dieser Gefühlsregungen beobachte ich bei mir. Es ist nicht so, dass ich NICHTS spüre, aber ich möchte es mal so ausdrücken: die Organisatoren dieses Seminars mit dem wortreichen Titel: „Stress. Was uns wirklich krank macht!“ haben wirklich ganze Arbeit gleistet- selten war ich so eins mit dem Titel!

Ich habe verdammten Stress und bin dazu noch unglaublich fassungslos! Ich weiß gar nicht, worüber ich mich zuerst aufregen soll: Vielleicht darüber, dass Elke, meine „Tanzpartnerin“, die Klänge der Trommeln von Lagos wirklich so ganz anders interpretiert als ich oder vielleicht darüber, dass ich überhaupt hier bin und Rücken an Rücken mit einer Frau „tanze“, die ich gestern noch nicht kannte, die mir dafür aber heute mit ihrem „Allerwertesten“ anzeigt, welchen Raum sie gerade für sich definiert.

Bitte nicht anfassen!


„Wie konnte das passieren?“, frage ich mich. „Wie kann es sein, dass ich in diesem Moment alles tue, was mir eigentlich zuwider ist?

Ich möchte einfach nicht Seminarteilnehmer, die ich kaum kenne, anfassen. Und wenn ich es mir recht überlege, möchte ich auch nicht Seminarteilnehmer anfassen, die ich ganz gut kenne. „ICH WILL NICHT ANFASSEN“, schreit es noch in mir, als Elkes Hintern endgültig die Führung übernimmt.

Nach der Übung will Doro von uns wissen, wie uns die „bewegte Bodyreise“ gefallen hat. Meine Mitschülerinnen geraten ins Schwärmen. Ich höre Kommentare wie „habe mich einfach mal fallen lassen“ und „es war schön und schon so vertraut“. Auch hier liege ich gefühlsmäßig mit den Damen nicht annähernd auf einem Nenner. Und während ich noch versuche, mich im Stillen von diesem Schock zu erholen, spricht Doro mich an: „Alex, wie war es für Dich?“

In meinem Kopf formen sich Sätze wie: „..vor Fremdschämen beinahe umgekommen“ oder „Nie wieder! Eher Dschungelcamp!“ oder sogar so was wie „Elkes Hintern hat kein Taktgefühl!“. Stattdessen sage ich: „Jooooah….spannend….mal so zu sehen… mal als Erfahrung und so…“.

Danach ist Pause und ich versuche, das Erlebte zu verarbeiten und meine Gedanken zu sammeln. Wie- um Himmels willen- konnte ich zulassen, in diese Situation zu geraten?

„Alexandra“, meldet sich mein Großhirn, „Das ist ein klarer Fall von Gruppenzwang. Du musst den Mund aufmachen, wenn Du etwas nicht machen möchtest oder gut findest“

Ja gut, denke ich bei mir, was heißt hier “nicht machen möchte”? Klar, die Aktion hörte sich schon in Doros Erklärung ungeheuer peinlich an.


Aber dann…dann war da die Gruppe, die Doro, der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht so schlimm wird und, und und.
Aber Gruppenzwang – nein wirklich, ich doch nicht! Ich mache sonst immer den Mund auf, wenn mir was nicht passt….

Als ich am Abend in meinem Hotelzimmer sitze, denke ich genauer über das Thema Gruppenzwang nach. Ich mag das Wort Gruppendruck lieber – aber egal, welchen Namen das Kind hat: Es geht immer darum, das eigene Verhalten der Gruppennorm anzupassen. Eben, um dazuzugehören und – nicht zu vergessen: um Akzeptanz und Anerkennung

Alters-, geschlechts-, sogar gruppenneutral


Warum unterliege ich dem Gruppendruck sogar noch als erwachsene Frau? Ich meine, ich bin doch nun wirklich nicht mehr in der siebten Klasse auf Skifreizeit und trinke 8 Feiglinge auf ex, nur damit ich zu den „coolen“ Leuten gehöre (also, das jetzt einfach mal als fiktives Beispiel).

Nun, der Wunsch sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, sich wie die anderen – und damit vermeidlich richtig- zu verhalten ist in uns Menschen tief verankert und alters-, geschlechts- und gruppenneutral.

Rolf Dobelli schreibt in seinem Buch „Die Kunst des klaren Denkens“: „… warum ticken wir so? Weil dieses Verhalten sich in der evolutionären Vergangenheit als gute Überlebensstrategie erwiesen hat. Angenommen Sie sind vor 50.000 Jahren mit ihren Jäger-und Sammler Freunden in der Serengeti unterwegs und plötzlich rennen alle ihre Kumpels davon. Bleiben Sie stehen und kratzen sich die Stirn…(..)? Nein Sie spurten Ihren Freunden hinterher, so schnell sie können..(..)Wer anders gehandelt hat, ist aus dem Genpool verschwunden“.

Da liegt doch irgendwie der Hase im Pfeffer! Heute gefährde ich wahrscheinlich nicht mehr mein Leben, wenn ich anders handle, anderer Meinung bin als die Gruppe. Heute ist es mehr denn je meine Entscheidung, ob ich Gruppenkoform agiere, obwohl es mir widerstrebt.

In meiner Arbeit mit Führungskräften merke ich, wie schwer es vielen im Unternehmen fällt, anderer Meinung als die Führungsmannschaft zu sein. Das kann richtig in Anstrengung ausarten. Und Anstrengung braucht bei dem heutigen Stress sowieso keiner mehr. Da sucht man sich aus, „welchen Kampf man kämpft“.

„Klar..“, sagte mal ein Klient zu mir.„. ich wusste damals, dass es keinen Sinn macht, die 5. Leitlinie zu definieren, wenn viele Führungskräfte sich ehrlicherweise noch nicht mal an die ersten 4 gehalten haben. Aber wissen Sie, ich war des Themas müde und es war mir zu anstrengend wieder was dagegen zu sagen. Ich bin immer der, der was sagt!“

Verantwortung für die Gruppe?


Ich fragte meine Klienten damals, wie er glaubt, wie sich Unternehmen entwickeln, wenn Mitarbeiter anders denken, als sie sagen und tun. Und unser Gespräch wurde ein interessanter Dialog zum Thema Loyalität, Fehlerkultur und die eigenen inneren Antreiber.

In meinem Hotelzimmer fiel mir auf, dass ich – bezüglich Doros Tanzgelage – ähnlich dachte, wie mein Klient damals. Ich habe es eher „über mich ergehen lassen“, weil es mir zu anstrengend war, etwas dagegen zu sagen. Wird schon nicht so schlimm werden – und tatsächlich wurde es sogar schlimmer!

Also musste ich mir doch selbst die Frage stellen, wie die Gruppe, das Seminar sich entwickeln wird, wenn ich anders denke, als ich handel? War es nicht sogar meine Verantwortung als Mitglied einer Gruppe, gerade dann etwas zu sagen, wenn ich dagegen war?

Am nächsten Seminartag suchte ich das Gespräch mit Doro und den Teilnehmern: Sie sollen es mir nicht übel nehmen, aber das Anfassen, das Tanzen oder das Singen – das wäre einfach nicht so meins. In dem Moment meldet sich Elke und sagt „Gut, dass Du was sagst! Ich hätte mich auch noch gemeldet. Ich kann und ich möchte nicht singen und auf keinen Fall mehr tanzen. Tanzen ist einfach nicht meins“.

Doro und die anderen Teilnehmerinnen zeigten sich verständnisvoll und bekräftigten Elke und mich in unserem Wunsch. Aber klar, machen wir uns nichts vor, in Unternehmen enden Statements wie „Ich bin dagegen, weil…“ nicht zwangsläufig im kollektiven und verständnisvollen nicken. Und das muss es auch nicht. Denn gerade dann entwickeln sich Dialoge, die wichtige Themen wirklich voranbringen können.

Meine Seminarerfahrung endete übrigens in einer neuen Gruppe: in der, die „eher von außen erleben wollen“. Und damit konnten Elke und ich wunderbar leben!

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