Alexandra Götze | Frau im Job. Von falschen Rollenmodellen und Verhaltenstyrannei
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Business & Personal Coach Wiesbaden, Frankfurt, Mainz

Frau im Job. Von falschen Rollenmodellen und Verhaltenstyrannei

Auszug meines “Experten-Tipps”  im Buch “Consulting Cookbook”. Der Guide zum Einstieg in die Unternehmensberatung

Vor einiger Zeit hielt ich einen Vortrag in einem der „Big 4“ Beratungshäuser. Ich sprach vor der HR Abteilung und so war es für mich nicht überraschend, dort vor allem auf weibliche Kolleginnen zu treffen. Grund meiner Rede war ein gewünschter Erfahrungsbericht meiner jahrelangen Führungsverantwortung und darüber, wie es mir als „Frau in der Beratung“ ergangen ist.

Ich entschied mich, den Einstieg in das Geschlechterthema mit einer Frage an die anwesenden Damen zu beginnen: „ Sagen Sie mir, wie viel Bücher mit dem Inhalt „Frauen vs. Männer“ oder „Frauen im Job“ haben Sie bereits gelesen und an wie vielen Trainings oder Fortbildungen diesbezüglich teilgenommen?“ Ich erwartete hierzu ein umfangreiches Feedback und Storytelling der Frauen. Doch das blieb aus. Die Reaktionen der weiblichen Mitarbeiterinnen hätten für mich nicht überraschender sein können: Fast keine Frau im Publikum hatte sich mit Literatur zum Thema auseinandergesetzt. Keine der Damen ein Training besucht!

Im ersten Moment des Feedbacks überrascht, merkte ich, wie die Begeisterung in mir aufstieg. War das vielleicht das untrügliche Zeichen dafür, dass sich diese jungen Arbeitnehmerinnen nicht mehr von der Geschlechterfrage hin und her reißen lassen und somit dem ganzen Thema mit einer gewissen Gelassenheit gegenüberstehen? Und ist die Einstellung dieser Teilnehmerinnen ein Abbild einer heranwachsenden Kohorte?

Ich muss Ihnen sagen, ich fände das fantastisch! Würde es doch bedeuten, dass hier Frauen in das Berufsleben nachrücken, die keine Verunsicherung ob ihres Geschlechts spüren. Und die sich nicht von Diskussionen beeinflussen lassen, die in einer Zeit und auf einem Arbeitsmarkt befeuert wurden, der mit der beruflichen und demografischen Situation dieser jungen Frauen heute nicht mehr das Geringste zu tun hat.

Sachlich betrachtet steht das Thema Frau im Beruf natürlich noch vor Herausforderungen. Die Anliegen sind komplex und vielschichtig. Quote, die gläserne Decke, die monetären Ungerechtigkeiten und natürlich – nicht zu vergessen – die Kinderplanung und sonstige familiäre Herausforderungen. All diese Themen brauchen immer noch eine Lobby- keine Frage! Nur dürfen sie nicht – wie immer noch viel zu häufig der Fall – dazu missbraucht werden, das subjektive Verhalten von Frauen zu objektivieren, um daraus (angeblich Karriere entscheidende) Veränderungsmaßnahmen zu proklamieren. Die Diskussionen darüber, wie Frau zu sein hat, sind mir persönlich längst ein Dorn im Auge und zahlen überhaupt nicht in die oben genannten sozialpolitischen Themen ein!

Es ist schlichtweg Humbug, das Verhalten eines Menschen geschlechtsspezifisch und dazu noch kontextfrei erklären zu wollen. Ob Frauen in Verhandlungen eher zurückhaltend sind und Männer stets davon überzeugt, das beste Pferd im Stall zu sein, liegt nicht am Geschlecht. Der Ursprung dieses Verhaltens liegt in der Erziehung, den Glaubenssätzen, den Erfahrungen und den persönlichen Treibern eines jeden einzelnen MENSCHEN. Und wenn der Mensch das Gefühl hat, dass einem ein bestimmter Glaubenssatz im Weg steht, ein besonderes Verhalten in Situationen stört, dann muss man am Ursprung des Glaubenssatzes und des Verhaltens arbeiten. So etwas lässt sich nicht als „geschlechtstypisch“ abtun.

Und doch gibt es sie, die – wie ich sie nenne- Verhaltens-Tyranninen. Eben hauptsächlich Frauen, die mir in meiner Karriere sagen wollten, wie ich sein soll. „Sei so, lass dies, lieber ruhiger, lieber lauter…“. Ich kann Ihnen sagen, dass mit solch einer Schreckensherrschaft niemanden geholfen ist. Von der eigenen Karriereförderung ganz zu schweigen!

Sie sind, wer und wie Sie sein wollen. Falls nicht – ändern Sie es! Aber tun Sie es aus Ihrer Motivation heraus und nicht, weil man Ihnen vorschreiben will, wie Sie zu sein haben.

Lassen Sie mich zum Abschluss kurz noch auf das Thema „Working-Mum-Rollenmodelle“ kommen. Als zweifache Mutter komme ich nicht umher, dies zu kommentieren. Vielleicht haben Sie sich noch gar nicht so stark damit auseinandergesetzt, weil noch sehr jung oder am Start Ihrer Karriere. Macht nichts – wenn Sie möchten, denken sie später daran.

Meiner Erfahrung nach sind Sie gut beraten, die viel zitierten „Mutter im Beruf“-Rollenmodelle höchst kritisch zu bewerten. Für mich haben diese „so-super-läuft-es-bei-mir“-Empfehlungen den Nachahmungswert von RTL2 Ratgeberdokumentationen. Auch da mag es sein, dass Hilde Müller 21 Kilo durch die Fanta Diät abgenommen hat – aber auch da ist diese Information leider nicht auf Sie anwendbar. Warum? Na, weil Sie nicht Hilde Müller sind! Sie leben, denken, agieren nicht wie sie. Und die Chance, dass Frau Müllers und Ihre physiologischen Merkmale übereinstimmen, ist schon gar nicht gegeben.

Wissen Sie, es kann ja sein, dass die leistungsfähige Top Beraterin Ihnen sagt, wie total dufte es ist, Kinder, Karriere und Kunstradfahren unter einen Hut zu bekommen. Aber das heißt für Sie: Nichts! Und zwar gar nichts. Sie wissen damit nur, dass eine weitere Frau „den Spagat“ hinbekommt. Über Ihre persönliche „Gelenkigkeit“ sagt das nichts aus. OB Sie Mutter werden sollten und WIE sie damit dann im Berufsleben umgehen können, wird und kann Ihnen niemand beantworten. Natürlich können Sie sich durch Rollenmodelle informieren und versuchen, das Gehörte auf Ihr Leben zu spiegeln.

Aber wissen, ob Working Mum Ihr Ding ist oder nicht, das finden Sie nur heraus, wenn..? Richtig! Wenn SIE WORKING MUM SIND.

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