Alexandra Götze | Ein offener Brief an…Robert Lembkes “Was bin ich?“ oder heiteres Beruferaten in 2025 (Folge 1)
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Business & Personal Coach Wiesbaden, Frankfurt, Mainz

Ein offener Brief an…Robert Lembkes “Was bin ich?“ oder heiteres Beruferaten in 2025 (Folge 1)

Lieber Herr Lembke,

es war ein Dienstagabend in den frühen 80er Jahren. Wie üblich freuten sich meine Eltern auf Ihre Sendung und wie üblich, hatte ich als damals ungefähr 10 jährige viele Fragen: Was sollte an diesem Beruferaten „heiter“ sein? Hat eigentlich jemals irgendwer den Job aufgrund der „typischen Handbewegung“ erkannt? Und gibt es tatsächlich Menschen in Deutschland, die älter sind, als Hans und Annette aus Ihrem Rateteam?

Hätte ich geahnt, dass Ihre Sendung an jenem Abend über die berufliche Zukunft meiner Mutter entscheidet – dann hätte ich sicher mehr auf Ihre Gäste, als auf die Farbe der Schweinderl geachtet. Vielleicht hätte ich auch bemerkt, wie euphorisch meine Mutter Ihrem weiblichen Gast lauscht und sich sogar Notizen macht. Und so wäre ich zumindest vorgewarnt gewesen, als Mutti an jenem Abend laut ausrief „Kinder, ich mache mich selbstständig. Ich werde NAGELDESIGNERIN!“

Ja, Sie haben richtig gelesen, Herr Lembke. Meine Mutter ist durch Ihre Sendung tatsächlich eine der ersten Nageldesignerinnen Deutschlands geworden. Damals ein so crazy Beruf, dass selbst dem feschen Ratefuchs Guido der Mund offen blieb. Überflüssig zu erwähnen, dass die Gastdame damals ein randvolles 5 DM Schweinder’l mit ins Nagelstudio nahm. Niemand hatte diesen Job erraten!

So was gibt`s?? Das war die Dauerfrage, die meine Mutter in den Monaten nach ihrer Ausbildung immer wieder beantworten musste. Die alten Drachen in meinem Heimatdorf waren sich damals unisono einig, dass das alles sowieso nur „Amerikanische Ferz“ waren…nur wenige glaubten, dass man damit sein Geld verdienen könnte. Von der Anerkennung dieser Arbeit als „Beruf“ ganz zu schweigen.

Mittlerweile sind 30 Jahre vergangen. Wir beide wissen, dass das Thema zu einer ganzen „Nageldesignindustrie“ angewachsen ist und so denke ich, es ist an der Zeit, uns die Frage zu stellen:

Welche Jobs wären eigentlich Gast bei „Was bin ich“ in 2025? Welche Berufe würden Sie uns in der Zukunft vorstellen, Herr Lembke?

Als Business Coach, ehemalige HR Frau (Schwerpunkt Recruiting & Personalmarketing – konzernbasiert) und als Mutter beschäftige ich mich immer wieder mit der Frage, wie sich Berufe entwickeln werden. Was müssen Mitarbeiter in Zukunft können, welchen Herausforderungen stehen sie gegenüber? Worauf müssen sich Personalabteilungen vorbereiten? Und lernen meine Kinder gerade wirklich das, was sie später mal brauchen?

Nun, mit diesen Fragen stehe ich absolut nicht alleine da. Viele meiner ehemaligen Kollegen aus dem Personalbereich beschäftigen sich mit ähnlichen Fragestellungen und viele wissen, dass eine heutige berufliche Orientierung morgen schon obsolet sein kann (siehe auch bei Jo Diercks: –“machen-wir-2014-zum-jahr-der-berufsorientierung”, der– zusammen mit vielen anderen Blogger KollegInnen –die Überforderung anspricht, der junge Menschen heute bei der Berufswahl gegenüberstehen. Unbedingt lesen!)

Gerade deswegen brenne ich für das Thema! Aus beruflichen aber eben auch aus privaten Motiven heraus. Also lese ich viel darüber, besuche Zukunftsveranstaltungen und Demografieforen und versuche, für mich herauszufinden, welche Fähigkeiten es benötigt – für Jobs, die heute keiner kennt, doch morgen jeder braucht?

Es gibt hervorragende Literatur zu dem Thema. Zum Beispiel von der Londoner Professorin für Management Practice Lynda Gratton (www.lyndagratton.com). Ihr Buch „Job Future Future Jobs“ zeigt auf eindrucksvolle Weise den Einfluss der Faktoren Technologie, Globalisierung, Demografie, Gesellschaft und Energieressourcen auf unsere zukünftigen Jobs und unser Arbeitsleben.

Was sich ändern wird, fragen Sie sich? Nun, Herr Lembke, rücken Sie die Brille zurecht, besorgen Sie die Schweinderl und los geht’s! Lassen Sie uns „Was bin ich“ in 2025 spielen. Und wenn’s recht ist, sitze ich mit im Rateteam. Mal als Mutter, mal als Coach und mal mit der Erfahrung einer Personalerin.

Bitte begrüßen Sie: Job Nummer 1 – Den Personal Brand & Reputation Manager (PBRM) (m/w)

Ein Auszug aus L. Grattons Buch hierzu: „Der eigene Ruf und die Außendarstellung des geistigen Kapitals wird zukünftig mehr denn je über die persönliche Karriere entscheiden. Die Beschaffung von bedeutenden Referenzen wird zur Vollzeitaufgabe. Mitarbeiter werden sich untereinander noch stärker bewerten und beurteilen. Während in der Vergangenheit breit angelegte allgemein Kenntnisse und Fähigkeiten nützlich waren, werden in einer vernetzten, globalisierten und technisierten Welt Tausende, ja Millionen andere Menschen dasselbe können wie man selbst – schneller, billiger und vielleicht sogar besser. In Zukunft heißt es, sich von der Masse abzusetzen – vom oberflächlichen Generalisten zum Meister auf mehreren Gebieten. “

Na Gott sei Dank gibt es den PBRM! Als ehemaliger Investment Banker (HFT sei Dank 🙁 ) mit einer 3-jährigen Zusatzausbildung im Bereich Persönlichkeitsanalyse und PR, ist sein Job die logische Weiterentwicklung des Online Reputation Managements, welches lange nur von Unternehmen oder privilegierten Privatpersonen genutzt wurde. Der PBRM ist nun für alle da und er ist es gewohnt, mit hochkarätiger „Währung“ umzugehen.

Die absolute Währung auf dem Arbeitsmarkt heißt natürlich „Personality“ und der PBRM tut alles dafür, dass sich die ihre im Netz täglich entwickelt. Er setzt aus ihrer Historie das perfekte Portfolio zusammen und hilft ihnen, beim Lesen ihres eigenen Profils nicht vor lauter Begeisterung die Bodenhaftung verlieren. Er erinnert sie, worin sie sich stetig weiterbilden müssen. Sammelt die für sie wichtigen Informationen im Netz und das Erfolgsgeheimnis seines Könnens ist, dass er sie besser kennt, als sie sich.

Natürlich ist er Profi im Bereich Referenz-Trading und besorgt für sie – wenn auch nicht ganz preiswert – die richtigen Empfehlungen, damit sie ihr Traumprojekt ergattern. Abgesehen davon hat er natürlich ein fabelhaftes Wissen über die mit ihnen konkurrierenden Personality Profile im weltweiten Netz.

Welches Schweinder’l hätten’s denn gern?

Nun, da hätte ich ein, zwei Fragen aus der Sicht eines Personalers:

  • Also, ich denke mal, ich gehe Recht in der Annahme, dass es aufgrund dieses Jobs kein Recruiting im eigentlichen Sinne mehr gibt? Ich meine, es ist ja nichts Neues, dass persönliche Profile im Netz technisch nur noch gegen das Anforderungsprofil des Arbeitgebers gematcht werden. Und während sich Recruiting-Abteilungen noch an online Assessment, Video-Interviewing und datenbasierter Erfolgsprofilerstellung aufreiben, hat sich die Welt – wie so oft- weitergedreht. Und der PBRM hat seinen Job gemacht.
  • Und daher gehe ich davon aus, dass das Profil des Klienten wohl jeden noch so ausgebufften Auswahl-Algorithmus hintergeht und der PBRM eine Personal Brand erschaffen haben, die seinen Kunden auf fast jeden Job des Unternehmens matcht?

Was würde diese Entwicklung wohl bedeuten? Welche Fähigkeiten braucht ein Recruiter dann?

Also, für mich ist das klar! An all die Psychologen, Soziologen und Sozialpädagogen…all die, die in die Personalabteilungen gegangen sind, um “mit Menschen zu arbeiten“, und dann doch irgendwie als Prozesswächter geendet sind: Eure Zeit ist gekommen! Dann zeigt mal, was Ihr könnt (nun, ehrlicherweise wird das nur noch ein ganz kleiner Teil von Euch beweisen können, weil der Rest von der Technik oder Kollegen in anderen Ländern ersetzt wurde…aber jetzt ist keine Zeit für solchen Pessimismus!)

Ich meine: Recruiter müssen zu Profilern werden!

Wie bitte? Die gibt es schon, sagen Sie zu mir, Herr Lembke? Meinen Sie die Kollegen, die bereits aufgrund von online assessments und (mangels qualitativem Input) selbst gebastelten Anforderungsprofilen rekrutieren?

Und meinen Sie die, die dann nur die Kandidaten einladen, die vom System als „Super Fit“ deklariert wurden? Und sprechen Sie von den Kollegen, die Bewerber auf Auswahltage einladen, die inhaltlich nicht die Spur des sozialen Kapitals evaluieren, die es für den Job eigentlich braucht? Was diesen Kollegen mittlerweile egal ist, weil man sowieso nur gegen ein völlig abgehobenes Einstellungsziel rekrutiert und es eben nur Zahlen braucht, die man ans Leadership berichten kann?

Nun wissen Sie, von denen spreche ich nicht. Ich rede von Profiling, wie es heute zum Beispiel im kriminaltechnischen Dienst oder in der Medizinforschung praktiziert wird. Es braucht Menschen, die als Profiler in der Lage sind für eine Weile in die Welt des Kandidaten einzutauchen und somit Anhaltspunkte zur Motivation und zur Persönlichkeit des Kandidaten zu erhalten.

Stellen Sie sich eine Welt vor, Herr Lembke, in der das Recruiting System nur noch „Super Fit“ Kandidaten ausspuckt. Irgendwie passt jeder. Wenn das Netz voll ist, von gepimpten Personal Profilen, wer ist dann in der Lage, hinter die Fassade zu schauen?

Ich glaube und hoffe übrigens auch, dass durch diese Art der Rekrutierung das Thema „Empathie“ in den Personalabteilungen eine wahre Renaissance erlebt! Denn diese Profiler werden die Bereitschaft zeigen müssen, die Persönlichkeitsmerkmale des Kandidaten VERSTEHEN ZU WOLLEN. Hier kann die Technik unterstützen. Reinfühlen und neugierig bleiben muss man schon noch selbst.

Dazu kommt: Profiler in 2025 sind vor allem eins: vernetzt! Und ich rede hier nicht von schnöden online Kontakten nach hier und da. Ich rede von der dringend nötigen Vernetzung zu Profilern in andere Unternehmen. Empfehlungs-Management heißt eben nicht nur, die Empfehlungen anderer verwalten zu können. Es heißt, sich aktiv darin zu bewegen: Einen Profiler zu kennen, der einen kennt, für den dieser Kandidat schon mal gearbeitet hat. Ohne diese Kontakte wird eine Kandidatenauswahl schlichtweg nicht mehr möglich sein.

Sie Fragen, warum dieser ganze Aufwand, Herr Lembke?

Na ganz einfach! Weil der Job des Profilers ein Dienstleistungsjob ist. Ihr Kunde (nein, nicht „Bewerber“ und nein, es ist nicht Fachabteilung) hat den Anspruch, dass Sie ihn verstehen und wissen, wer er ist, was er will.

Denn wenn Sie ihn verstehen, dann wird er Ihnen vielleicht den Gefallen tun und sich dazu entschließen, zu dem Drittel der Festangestellten zu gehören, die Sie dann sowieso nur noch besitzen. Wenn Sie sich viel Mühe geben, wird er seine Selbstständigkeit vielleicht für eine Weile ruhen lassen und nur für Sie da sein.

Und wenn er möchte, entscheidet er, sich neben seinen nebenberuflichen (freiwilligen!) Arbeiten Ihrem Unternehmen als Unternehmer zu widmen und macht Ihre Unternehmensziele dann für eine Weile zu den eigenen.

Wenn, wenn, wenn…..

Herr Lembke, ich höre, die Sendezeit ist um und Sie haben durch Ihre vehementen „Neins“ das Schweinder’l fast gefüllt? Nun, vielleicht habe ich mit meinen Fragen und Thesen hier und da daneben gelegen – mag sein.

Aber in einem bin ich mir ganz sicher: wie zukünftige Berufe sich auch entwickeln werden, die, die in der Lage sind, anderen Menschen mit Empathie, Toleranz und unvoreingenommener Neugier zu begegnen, die werden –  in welchem Job auch immer – die erfolgreicheren sein!

Ich freue mich auf die nächste Folge mit Ihnen und ich verabschiede mich, indem ich mich Ihrer grandiosen Worte bediene, lieber Herr Lembke:

„Ich hoffe, es hat auch Ihnen Spaß gemacht und Sie laden mich wieder zu sich ein – beim nächsten „Was bin ich“.

Herzlichst Ihre

Alex Götze

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